You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die israelitisch-christliche Religionsgeschichte zeigt eine unaufhörliche Abfolge von Erscheinungen, die Angst und Zwang beseitigen sollen, und von Vorgängen die beides, Angst und Zwang, erzeugen. Auf längere Entwicklungen, in denen Angst und Zwang verstärkt werden, in denen peinliche Orthodoxien sich bilden folgen jeweils kürzere Reformbewegungen, die eine befreiende Wirkung ausübeuaber sogleich setzt wieder ein neuer Prozess in entgegengesetztem Sinne ein.
In unserem Kreise brauche ich nicht den Nachweis zu führen dass es sich dabei um die Bildung von Kollektivneurosen und um Versuche, von ihnen geheilt zu werden, handle. Unter Orthodoxie verstehe ich ein kirchlich vorgeschriebenes System von Dogmen und mit ihnen verbundenen Zeremonien, von deren gläubiger Annahme und korrektem Vollzug Seligkeit und Verderben abhängen sollen, deren Ablehnung dagegen mit schreckenerregenden Strafen bedroht wird.
Lassen Sie mich den unregelmässigen Rhythmus der Herstellung und Abschaffung oder doch Milderung von Angst und Zwang in der israelitischen und christlichen Religion kurz andeuten! Mit Freud gehe ich dabei von der Ansicht aus, dass alle Religion ursprünglich der Angstbeschwichtigung dienen soll. Nur bin ich nicht der Ansicht, dass damit alle Motive und Wurzeln der Religion angegeben seien.
Mose ersetzte den altsemitischen Polydämonismus durch den Glauben an Jahwe, der aus Güte und Erbarmen Israel zu seinem Volk erwählte und aus der aegyptischen Gefangenschaft errettete, vor allem beim Durchzug durchs Rote Meer und durch zahlreiche Kriegstaten. Das dankbare Vertrauen zu ihm linderte die Angst, wenn auch Jahwe noch immer furchterregende Züge trug.
In den folgenden Jahrhunderten wurde der mosaische Kriegsgott mit dem Bauerngott Baal der Kanaaniter verschmolzen. Der Kultus tritt stärker hervor. Das Opfer wird aus einer sakralen Kommunion mit der Gottheit zur Spende, die das Wohlgefallen des Numens verschaffen soll. Das Menschenopfer nimmt