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Die analytische Beobachtung der psychischen Entwicklung Blinder eröffnet den Weg zu Fragestellungen, die unser theoretisches Interesse verdienen. Wir sind uns klar darüber, welche Rolle der Gesichtssinn in der normalen Entwicklung spielt. Die Vorgänge des Sehens haben in der Form von Schau- und Zeigelust ihren Platz unter den Partialtrieben des menschlichen Sexuallebens. Der Mechanismus der Identifizierung beruht weitgehend auf dem Sehen; die meisten Identifizierungen werden auf Grund von Gesichtseindrücken vorgenommen. Die Realitätsprüfung, eine der wichtigsten Funktionen des Ichs, bedient sich zum grossen Teil des Gesichtssinnes. Wo dieser Sinn fehlt, fehlen also Elemente, die uns in der Entwicklung Vollsinniger als unentbehrlich erscheinen. Es ist der Mühe wert zu verfolgen, welche Konsequenzen sich daraus für die Sexualentwicklung einerseits, für die Charakterbildung anderseits ergeben. Die Laien-meinung behauptet, dass das Wesen der Blinden im allgemeinen heiter, freundlich und unaggressiv, dass ihre Wahrheitsliebe unverlässlich ist; den Schwerhörigen oder Tauben anderseits wird Unfreundlichkeit, Misstrauen und Neigung zu paranoiden Ideen zugeschrieben. Die analytische Durchforschung der Charakterbildung nicht vollsinniger Individuen sollte uns in den Stand setzen, die Richtigkeit solcher allgemeiner Behauptungen nachzuprüfen.
Unsere zum grossen Teil aus der schönen Literatur bezogenen Laienmeinungen über das Wesen Blinder gehen dahin, dass diese Individuen zwar einen Sinn weniger zur Verfügung haben als die Normalen, dass aber zum Ausgleich ihre anderen Sinne, besonders ihr Tast- und Geruchssinn viel höher entwickelt sind. Wir nehmen danach ohne weiteres an, dass die Erziehung Blinder sich vor allem