You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In diesem Vortrag wird versucht, den Krankheitsbegriff in der Psychopathologie test-zulegen. Man kann der Gesundheit Krankheit und Abweichung gegenüberstellen.
Krankheit ist einerseits die Reaktion des Organismus auf schädliche Agentien, anderseits die Veränderungen, die von der Noxe verursacht werden. Die Abweichung kann der Rest einer Krankheit sein, es kann sich aber auch aus einer Abweichung eine Krankheit bilden. Ziel der Reaktion ist die Genesung („Herstellung“), also eine Wiederkehr zum Zustand der Gesundheit. Zu prüfen wäre, ob man bei Psychosen und Neurosen etwas dergleichen finden kann.
Freud hat uns gelehrt, dass eine Neurose oder Psychose dann auftritt, wenn die Verdrängung misslingt. Muller meint nun, dass die Verdrängung die Abweichung darstellt, auf deren Basis sich die Neurose entwickelt; sie sei stets pathologisch. Dann, müssen wir aber in der Wiederkehr des Verdrängten die Reaktion des Organismus sehen, die eine Genesung anstrebt, eben weil die Wiederkehr des Verdrängten das Ungeschehenmachen der Verdrängung anstrebt, wie Muller meint. Die Psychose versucht also, im Symptom sich zu befreien und einen Zustand ohne Verdrängung herzustellen, also einen Zustand der Gesundheit, wobei man zu gleicher Zeit die Tendenz wahr-nimmt, auch die Abweichung (Verdrängung) ungeschehen zu machen. Die Gesellschaft kann nur dann existieren, wenn ihre Mitglieder eine mehr oder weniger starke psychische Abweichung aufzeigen (also verdrängt haben). Annähernd gesund könnte man eigentlich nur haltlose Psychopathen nennen.
Es ist zu bedauern, dass der Autor die von der Psychoanalyse nicht vertretene Auffassung, jede Verdrängung sei krankhaft, zum Ausgangspunkt seiner Ausführungen nimmt er gibt damit dem weitverbreiteten Missverständnis, das therapeutische Ziel der Analyse sei ein ungehemmtes „Ausleben“ aller Triebe, wieder Nahrung. Die Analyse hat doch klargestellt, dass ein gesundes Ich befähigt ist, nicht nur eine gewisse Triebbefriedigung zuzulassen, sondern auch eine gut