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Der Terminus Ästhetik, den ich im Titel dieser Vortragsreihe gebrauche, ist für die meisten Menschen gleichzeitig vage und mit Bedeutung überladen. Er erinnert irgendwie an philosophische Begriffsbildungen über die Regeln und Gesetze des Schönen oder über die Skala der ewigen Werte. Ich schicke darum voraus, dass ich in der hier folgenden Arbeit das Wort Ästhetik nur in seiner einfachsten Bedeutung von „auf die Kunst bezüglich“ verwende. Mein Ausgangspunkt ist, dass gewisse Phänomene, die man als „Kunst“ bezeichnet, eine spezifische Rolle in der Gesellschaft spielen und spezifische Reaktionen hervorrufen. Die Erforschung dieser Rolle und dieser Reaktionen nennen wir Ästhetik.
Die Ästhetik, in diesem erweiterten und doch scharf umrissenen Sinn genommen, umfasst nicht mehr und nicht weniger als unsere Vorstellung von der Natur des Menschen, d.h. wir haben es mit einem Gebiet zu tun, das den Vertretern Verschiedener Wissenschaften offen steht: dem Historiker und dem Soziologen ebenso wie den Spezialforschern in verschiedenen Zweigen der Kunstwissenschaft. Das Problem, das behandelt wird, gehört der Anthropologie an oder, wenn man will, der angewandten Psychologie. Soweit es sich um angewandte Psychologie handelt, findet die Psychoanalyse ihren Platz. Die Beiträge, die sie zur Forschungsarbeit leistet, sind von zweierlei Art: sie gibt einerseits die prinzipiellen Aufklärungen über die psychischen Vorgänge, die wir Freud und seinen Schülern verdanken, und anderseits eine Anzahl psychoanalytischer Sonderarbeiten auf dem Gebiet der Ästhetik, die vor allem auf ein tieferes Verständnis bestimmter Kunstwerke oder der Persönlichkeiten einzelner Künstler hinarbeiten.
Ich bin in der gegenwärtigen Vortragsreihe genötigt, einen Überblick über die letztgenannten direkten Beiträge der Psychoanalyse zur Kunstwissenschaft beiseitezulassen; es genügt zu sagen, dass Freud hier die Vorarbeit für ein ungeheures Forschungsgebiet auf lange Zeit hinaus geleistet hat. Se