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Der merkwürdige deutsche Sprachgebrauch, in höflicher Rede den Partner mit dem Pronomen der dritten Person Pluralis anzureden, und den Gebrauch der zweiten Person Singularis auf den vertrauten Umgang zu beschränken, wird von Silverberg einer psychoanalytischen Untersuchung unterzogen. Silverbergs sehr einleuchtende Grundthese lautet: Es handelt sich hier um eine moderne Variante des uralten Namentabus. Das „Du“ bleibt ebenso auf einen engen vertrauten Kreis beschränkt wie auch der Gebrauch des individuellen Vornamens. Primitive teilen bekanntlich häufig ihren wahren Namen gleichfalls nur einem engen Kreise von Vertrauten oder überhaupt niemandem mit; Fremde könnten magischen Missbrauch damit treiben. Es gibt auch noch andere Überreste dieses Tabus in unserer Gesellschaft, etwa wenn die Eltern von den Kindern mit „Vater“ und „Mutter“ statt mit dem Namen angeredet werden, oder bei dem Gebrauch der Bezeichnungen gewisser Körperteile. Wahrscheinlich sind ja die Pronomina überhaupt als Vertreter für die tabuierten Nomina entstanden. Der Gebrauch der dritten Person Pluralis als höfliche Anredeform im Deutschen ist nur eine weitere Steigerung des gleichen Tabus, der in anderen Sprachen den Gebrauch der zweiten Person Pluralis (der früher auch im Deutschen üblich war) vorschreibt.
Das deutsche „Sie“ kam erst am Ende des 17. Jahrhunderts auf und wird erst seit etwa 1848 allgemein gebraucht. Es enstammt dem Hofzeremoniell und entwickelte sich wahrscheinlich aus der Anrede „Euer Gnaden“. — Problematischer als die Ableitung des ganzen Brauchs aus dem Namentabu scheint Silverbergs Erklärung des unpersönlichen „Sie“ aus dem Streben des Königs (oder Fürsten), die Verantwortung auf einen unbestimmten Plural abzuschieben. Die bestimmten historischen Bedingungen des ausgehenden 17. und des 18. Jhdt., d.h. der Ersatz der feudalen Gesellschaft durch die bürgerliche, wären hier wohl mehr heranzuziehen als die „Urhorde“, auf die Silverberg