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Vorurteile sind uns lieb, wir lassen nicht gerne von ihnen.
A lexander Mitscherlich
Eine umfassende Geschichte der Psychoanalyse ist noch nicht geschrieben worden. FREUDs Essay “Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung” (10) ist keine geschichtliche Arbeit im eigentlichen Sinne des Wortes, noch war sie als solche gedacht. Dennoch bleibt sie eine der wichtigsten Quellen für jede psychoanalytische Geschichtsschreibung. Sie besteht aus drei Teilen: Im ersten gibt FREUD eine gedrängte Darstellung seiner wissenschaftlichen Leistungen, im zweiten eine etwas kürzere vom Beginn der psychoanalytischen Bewegung und im dritten, dem längsten der drei Abschnitte, finden wir die Darstellung der sogenannten Abfallsbewegungen von ADLER und JUNG, wie FREUD sie sah. Ich schreibe “sogenannte Abfallsbewegungen”, weil in den letzten Jahren einige Autoren FREUDs Interpretation der Ereignisse angezweifelt haben. FREUDs Darstellung durch objektive historische Forschung zu widerlegen ist aber bisher nicht gelungen. Die Versuche in dieser Hinsicht sind gegen FREUD gerichtet und keinesfalls Geschichtsschreibung sine ira et studio.
Eine Geschichte der Psychoanalyse zu schreiben stellt offenbar noch grössere Ansprüche als die irgendeiner anderen Wissenschaft. Ein solches Unterfangen ist wahrscheinlich gegenwärtig gar nicht möglich, PAUL CRANEFIELD1 (4) zählt vier Schwierigkeitsmomente auf, denen ich dann noch zwei hinzufügen werde.
Die erste Schwierigkeit sieht CRANEFIELD in der “grossen Kompliziertheit des Gegenstandes selbst”. Die Psychoanalyse sei nicht nur ebenso schwer zu verstehen wie Kernphysik; zum Unterschied von dieser seien zudem viele Autoren sich dessen weder bewusst, noch besässen sie über die Grundlehren der Traumdeutung hinausreichende Kenntnisse. Es sei so ähnlich, als verstünde ein Historiker der Kernphysik nicht mehr von dieser Wissenschaft als BOHRs Atommodell. Darüber hinaus habe die Psychoanalyse als Wissenschaft seit ihrem Beginn im Jahre 1895 eine Reihe tiefgehender un