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Es ist ein immer von neuem eindrucksvolles Phänomen, daß ein bestimmter Stoff einem Künstler erlaubt, sich selbst mit seinen inneren Konflikten, Widersprüchen und Polaritäten wie in einem Spiegel abzubilden und dennoch dem Werk den Stempel der Welthaftigkeit, Allgemeingültigkeit, Objektivität aufzudrücken. Das ist zum Beispiel bei Goethes einaktigem Festspiel «Pandora» der Fall. 1807 in zeitlicher und motivischer Nähe zu den «Wahlverwandtschaften» entstanden, spielt es in einer urzeitlich-mythischen Ideallandschaft, in der bereits erste Anzeichen menschlicher Kultur vorhanden sind. Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte, hat sich inzwischen ein Volk kunstreicher Schmiede herangebildet, das die Höhlen eines waldig gipfelnden Berges bewohnt: die «Seite des Prometheus», wie es in der Bühnenanweisung heißt. Sein Bruder Epimetheus hingegen ist der Schirmherr der Agrikultur: auf seiner Seite gibt es Obstbäume, Felder und Gärten, einen sich ins Meer ergießenden Fluß. Wo sich auf der Seite des Prometheus «regelmäßig Gemauertes» erkennen läßt, deutet es zwar schon «bequemere Wohnungen» an, ist aber noch «ohne alle Symmetrie». Demgegenüber verfügen die Häuser auf der Seite des Epimetheus über eine Konstruktion und besitzen Säulen aus Baumstämmen — eine Vorwegnahme des griechischen Tempels und zugleich alles dessen, was sich in der Kunst durch symmetrischen Aufbau erreichen läßt. So liegt das Übergewicht des Künstlerischen auf Seiten des Epimetheus. Arbeit und Zweckgebundenheit, Muße und zweckfreie Schönheit stehen sich in Prometheus und Epimetheus gegenüber; und im Sinne dieses idealtypischen Gegensatzes sind die Landleute auf der Seite des Epimetheus nicht Bauern, sondern Hirten: ein Stand, dem schon immer die Sehnsucht des Dichters gegolten hat, weil sich in ihm ursprünglich-ungebundenes Leben im Verein mit erotischer Freiheit verkörpert.
Die Gegensätzlichkeit der beiden Brüder bekundet sich auch in ihren Namen. Prometheus ist der «Vorausdenkende», der Mann der Tat,