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“Von allen Anwendungen der Psychoanalyse hat keine so viel Interesse gefunden, so viel Hoffnungen erweckt und demzufolge soviele tüchtige Mitarbeiter herangezogen, wie die Theorie und Praxis der Kindererziehung. Dies ist leicht zu verstehen. Das Kind ist das hauptsächliche Objekt der psychoanalytischen Forschung geworden; es hat in dieser Bedeutung den Neurotiker abgelöst, an dem sie ihre Arbeit begann. Die Analyse hat im Kranken das wenig verändert fortlebende Kind aufgezeigt, sie hat Triebkräfte und Tendenzen beleuchtet, die dem kindlichen Wesen sein ihm eigenes Gepräge geben und die Entwicklungswege verfolgt, die von diesem zur Reife des Erwachsenen führen. Kein Wunder also, wenn die Erwartung entstand, die psychoanalytische Bemühung um das Kind werde der erzieherischen Tätigkeit zugute kommen, die das Kind auf seinem Weg zur Reife leiten, fördern und gegen Irrungen sichern will” (1925).
Als Sigmund Freud diese Zeilen im Geleitwort zu August Aichhorns “Verwahrloste Jugend” niederschrieb, war seine Tochter Anna Freud schon auf dem Wege, diese Erwartung zu erfüllen.
Anna Freud wurde am 3. Dezember 1895 als jüngstes von Sigmund Freuds sechs Kindern - drei Söhnen und drei Töchtern - geboren. Seit vier Jahren lebte Familie Freud im Hause Berggasse 19 im 9. Wiener Gemeindebezirk, jenem Haus, das später geographisches Zentrum der Psychoanalyse wurde. Sigmund Freud, damals 39 Jahre alt, Dozent für Nervenpathologie, hatte seine letzten wissenschaftlichen Arbeiten über organische Erkrankungen des Nervensystems bei Kindern noch nicht abgeschlossen, als er im Frühjahr desselben Jahres, gemeinsam mit dem Wiener Internisten Dr. Josef Breuer, die “Studien über Hysterie” veröffentlichte. Wenige Monate später hat Freud zum ersten Mal einen eigenen Traum systematisch gedeutet, indem er konsequent seinen Einfällen zu den einzelnen Traumelementen folgte. Man könnte also sagen, daß 1895 auch das Geburtsjahr der Psychoanalyse und des psychoanalytischen Zugangs zum Traum gewesen ist.
Anna