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Im Jahr 1895 veröffentlichten Josef Breuer und Sigmund Freud in den “Studien über Hysterie” ihre ersten psychotherapeutischen Fallberichte. Aus kleineren Publikationen und Briefen Freuds wissen wir daneben bruchstückweise von einzelnen Patienten, die Breuer oder er vor dieser Zeit behandelt hatten. Es sind aber bisher nur sehr wenige Krankengeschichten aus den ersten Jahren der Praxis Freuds bekannt geworden.
Im Zuge der Vorarbeiten zu seiner Geschichte der dynamischen Psychiatrie[1] fand H. F. Ellenberger in dem Schweizer Sanatorium “Bellevue” in Kreuzlingen bei Konstanz am Bodensee einen Bericht Breuers über seine berühmte Patientin “Anna O.” aus dem Jahre 1882[2]. Damit war klar, daß Breuer schon sehr früh Beziehungen zu diesem Sanatorium unterhalten hatte. Als ich bei der Materialsammlung zu meiner Dissertation über Leben und Werk Josef Breuers[3] aufgrund eines Hinweises von Prof. Ellenberger das “Bellevue” besuchte, fand ich im dortigen Archiv nicht nur eine Reihe weiterer Materialien zum Fall “Anna O.”[4], sondern auch Krankengeschichten einiger anderer Patienten, die von Breuer oder Freud zwischen 1881 und 1910 nach Kreuzlingen überwiesen worden waren. Manche dieser Krankenblätter enthielten die Einweisungsschreiben Breuers oder Freuds und Briefwechsel zwischen Klinik und einweisenden Ärzten. Wenn auch solche Schriftstücke nicht mit zur Veröffentlichung bestimmten Krankengeschichten vergleichbar sind - sie unterliegen naturgemäß ganz anderen Gesetzen als solche -, sind sie doch von Interesse, weil sie eben Auskunft geben über “Durchschnittsfälle”, die im allgemeinen der Nachwelt nicht bekannt werden, gleichwohl aber Theorie- und Therapie-Entwicklung in nicht geringem Maß mit geprägt