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In einer klaren und logisch stringenten Arbeit hat unlängst K. Sadegh-Zadeh (1977) aufgezeigt, dass Krankheitsbegriffe durch die Definition des Zeichens “ist krank” gewonnen werden. Eine solche Definition kann man nicht im Sinne eines deiktischen Hinweises vornehmen, vielmehr enthält sie, in moderner Terminologie ausgedrückt, Sprechereignisse im Sinne eines Klassifikationsprinzips (E. Tugendhat, 1976, S. 110), bzw. noch anders gesagt, Sprechereignisse, die durch “nicht-definierende semantische Kriterien”, also solche, die “das was sie indizieren, nicht an sich selbst, aber zusammen mit weiteren, gleichrangigen Kriterien und gewissen Umgebungsbedingungen konstituieren” (D. Birnbacher, 1976, S. 23, 24), zu charakterisieren sind. Für Kriterien aber gilt, dass sie “Prinzip und Instanz der Anwendung in einem” sind, ein Kriterium “misst wahr und falsch, indem es sich als Mass setzt”, ist also “Prinzip der Rechtfertigung und Rechtfertigung zugleich” (D. Birnbacher, 1976, S. 8, i.O. hervorgehoben, W. L.). Auch müssen wir immer die radikale Kontingenz der Evidenzkriterien, auf die letztlich alle Kriterien zurückzuführen sind, im Auge behalten, das heisst, dass zwischen ihnen und dem, was sie indizieren, eine logische Äquivalenz (1976, S. 14),2 aber keine logische Implikation besteht. Mit letzterem hängt übrigens die Tatsache zusammen, dass Kriterium und Symptome, die “einen Sachverhalt nur unter der Voraussetzung einer Korrelation mit Kriterien” anzeigen (1976, S. 14), nicht selten im Laufe der Entwicklung einer Disziplin ihren Platz vertauschen (1976, S. 70).
Wo Kriterien bestimmend sind, dort regiert die “praktische” und nicht die “deduktiv-theoretische Vernunft”. Das bedeutet, es können keine “ewigen Wahrheiten” behauptet werden, sondern historisch-soziale Dimensionen treten ins Spiel. Infolgedessen kann auch nicht ein einziger Krankheitsbegriff als allein gültig oder als wahr im absoluten Sinne angesetzt werden, vielmehr wird es mehrere Kran