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„…. die Scham ist erfinderisch. Es sind nicht die schlimmsten Dinge, deren man sich am schlimmsten schämt: es ist nicht nur Arglist hinter einer Maske, - es gibt so viel Güte in der List. Ich könnte mir denken, daß ein Mensch, der etwas Kostbares und Verletzliches zu bergen hätte, grob und rund wie ein grünes, altes, schwerbeschlagenes Weinfaß durchs Leben rollte: die Feinheit seiner Scham will es so. Einem Menschen, der Tiefe in der Scham hat, begegnen auch seine Schicksale und zarten Entscheidungen auf Wegen, zu denen wenige je gelangen, und um deren Vorhandensein seine Nächsten und Vertrautesten nicht wissen dürfen: seine Lebensgefahr verbirgt sich ihren Augen und ebenso seine wieder eroberte Lebens-Sicherheit. … Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben sogar einen Haß auf Bild und Gleichnis. Sollte nicht erst der Gegensatz die rechte Verkleidung sein, in der die Scham eines Gottes einherginge?“ (Nietzsche, 1885, 40). „Bei harten Menschen ist die Innigkeit eine Sache der Scham - und etwas Kostbares.“ (1. c. 167) Ob wir nun die griechischen Tragödien oder Shakespeare, Dostojevski oder Tolstoi, Nietzsche, Balzac oder Stendhal lesen, immer wieder stoßen wir auf Gefühle der Scham, der Verlegenheit und Befangenheit, der Betretenheit, des Verletztseins und der Erniedrigung, oder auf die Angst, entlarvt, entblößt, im Verletzlichsten und Innigsten aufgewiesen und abgewiesen zu werden, oder auf eine Haltung des Sich-selbst-Verbergens, des Verschweigens, der Maskierung, um eben solcher Verletzung und Aufdeckung vorzubeugen.
Wir alle sind uns solcher Gefühle, solcher Ängste, solcher Vorbeugungen in uns selbst mehr oder weniger bewußt geworden und gewahren