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New York, 18. Juni 1979
Sehr geehrte Frau Krüll,
Entgegen meinem ersten Briefe an Sie konnte ich doch nicht der Versuchung widerstehen und, einmal gefangen von Ihrer außerordentlichen darstellerischen Begabung, war ich gezwungen meine Freizeit der Beendigung der Lektüre Ihres Buches1 zu widmen.
Ihr Buch ist gefüllt mit wichtigem geschichtlichem Material. Sie bringen eine Fülle von Daten, Dokumenten und Sonstigem, die zu eruieren die Aufgabe des Sigmund Freud Archivs gewesen wäre, dessen Sekretär ich bin. Ich bin Ihnen daher persönlich dankbar, daß Sie Material von Wichtigkeit für eine zukünftige objektive Freud-Biographik vor Verlust und Vergessenheit bewahrt haben.
Da Sie so freundlich waren, mir Ihr Buch zuzuschicken nehme ich an, daß Ihrem Motiv möglicherweise eine Aufforderung zur Stellungnahme zugrunde liegt. Ich tue es gerne, obwohl ich nicht sicher bin, daß ich Sie immer richtig verstanden habe.
Es gab also ein Geheimnis im Leben von Freuds Vater und er bat seinen Sohn, dieses Geheimnis nicht zu lüften.
Das erste Argument, das Sie als Beweis Ihrer These anführen ist Freuds Traum über das Zudrücken der Augen. Ihre Deutung ist nicht klar und nicht überzeugend. In Bertelsmanns Deutschem Wörterbuch finde ich, daß ein Auge, beide Augen zudrücken bedeutet: etwas absichtlich nicht beachten, über etwas Unzulässiges wegsehen, was sehr dafür spricht, daß Freud damit seine eigene Ambivalenz dem Vater gegenüber gemeint hat und nicht einen Auftrag seines Vaters.