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Unter den wissenschaftlichen Leistungen Simenauers nimmt die Rilke-Forschung den prominentesten Raum ein. 1953 erschien „Rainer Maria Rilke, Legende und Mythos“, eine eminente Leistung von Durchdringung und Bewältigung einer enormen Stoffülle, die durch die Lebenszeugnisse und das Werk dieses Dichters angehäuft ist. In der Einleitung dieses Buches heißt es: „Die 1939 begonnene Abfassung des vorliegenden Buches hat durch den Krieg eine Unterbrechung erfahren, als Teile des Manuskripts und die Vorarbeiten vieler Jahre auf meinen unfreiwilligen Wanderungen von Kontinent zu Kontinent verlorengingen.“
Das Leben eines Forschers und Schriftstellers gehört mit seinem Werk zusammen. Judenvernichtung und Entwurzelung bilden den Hintergrund von Simenauers Monographie über Rilke, eine Tatsache, die dem Werk eine zusätzliche Dimension verleiht.
Es ist ein Standardwerk der Rilke-Forschung, das die Forschungsmethode der Psychoanalyse auf die Möglichkeiten der Motiverforschung anwendet. Insofern die unbewußten Konflikte und die komplizierte Konstitution Rilkes Gegenstand einer psychoanalytischen Deutung wurden, konnte man in der fast religiös gestimmten Rilke-Gemeinde nicht auf begeisterte Aufnahme rechnen. Wer sich jedoch durch die Erkenntnisse bereichern lassen will, die die psychoanalytische Inhaltserforschung eines dichterischen Werkes beitragen kann, wird das Zirkelverfahren, das Simenauer anwendet, außerordentlich fruchtbar finden: Die Dichtung trägt dazu bei, die unbewußte Konfliktsituation des Dichters zu belegen, die präzise Herausarbeitung