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In den psychoanalytischen Abhandlungen zum Thema Sucht findet sich ein bemerkenswertes Phänomen: Die spärlichen und verstreuten Hinweise Freuds zu diesem Gegenstand sind zwar berücksichtigt, aber es ist darauf verzichtet, seine intensivste und umfangreichste Periode der Beschäftigung mit diesem Thema heranzuziehen. Die Kokainepisode ist zwar in der Freudbiographik für die Persönlichkeitsentwicklung und Entstehungsgeschichte des Werkes in ihrer vorwegnehmenden, bahnenden und vorbereitenden Funktion gewärdigt, aber seltsamerweise nicht für das Verständnis der Sucht genutzt worden.
So sieht Bernfeld in „Freuds Kokain-Studien, 1884-1887“ (1953) einen ersten Versuch, eigene Wege zu beschreiten und in seiner Forschung unabhängig von seinen Lehrern zu werden. Jones hat in weiten Teilen die Darstellung Bernfelds übernommen, bezeichnet jedoch die Kokainforschung Freuds im Gegensatz zu Kollers Entdeckung der änesthesierenden Wirkung auf die Cornealschleimhaut als „leeren Schall“ (Jones 1960) und ohne wirklichen Wert. Eissler (1964) sieht in der Tatsache, daß Freud zwar ab Kokain nahm, aber nicht abhängig wurde, ein Merkmal seiner angeborenen Stärke. Doch räumt er auch ein, daß die Droge auflockernd auf das Unbewußte gewirkt haben könnte und so vertiefte Selbsteinsichten ermöglichte. Die Kokainepisöde hätte damit den Rang eines Vorläufers der Selbstanalyse, ein Gedanke, der von vom Scheidt (1973) weiter verfolgt und vertieft wird.