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Sigmund Freud wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts geboren, nur zwölf Jahre später als Friedrich Nietzsche . Beide sind auch in geistiger Hinsicht Kinder des 19. Jahrhunderts, von dessen philosophischen und wissenschaftlichen Tendenzen geprägt. In ihrer ideengeschichtlichen Wirkung - als Moral- und Kulturkritiker, entlarvende Psychologen und anthropologische Neuerer - ragen sie aber über das 19. Jahrhundert hinaus und gehören zu den geistigen Vätern unserer Generation.
Auf den ersten Blick scheinen Nietzsche und Freud in sehr verschiedenen Geisteswelten gelebt zu haben. Geradezu konträr wirken sie von ihren Stileigentümlichkeiten und ihrer geistigen Gestalt her: der eine Altphilologe, Essayist, Aphoristiker, Lyriker und schließlich Philosoph des „Willens zur Macht” und der „ewigen Wiederkehr”; der andere Labormediziner, Materialist und Positivist, Neuropathologe und Psychotherapeut, seinem Selbstverständnis nach naturwissenschaftlicher Erforscher des „Unbewußten”. Bei näherer Betrachtung wird der anfängliche Eindruck des Gegensätzlichen aber relativiert: Nietzsche war ebenfalls naturwissenschaftlich orientiert, insbesondere an den Forschungsergebnissen der Evolutionstheorie, Biologie und Physiologie interessiert, und vor allem war er ein Psychologe ersten Ranges. Freud wiederum war wie Nietzsche ein glänzender Stilist und Sprachschöpfer, welcher der Philosophie - nicht der spekulativen Metaphysik, wohl aber der wirklichkeitsnahen Anthropologie - nahe stand, näher, als er zuzugeben bereit war. Vergleicht man ihre psychologischen Ansätze miteinander, so verstärkt