You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die Arbeit, die ich vorstellen möchte, entwickelte sich aus einer Diskussionsgruppe Frankfurter Psychoanalytikerinnen, die sich der Originalität mittelalterlicher Frauen mit Hilfe einer psychoanalytischen Perspektive zu nähern versuchen. Ausgewählt wurden mittelalterliche Autorinnen, bei denen jenseits zeittypischen Klischeedenkens persönliche Verarbeitungsstile auffindbar sein mochten.
Wenn ich mich als Psychoanalytikerin am Ende des 20. Jahrhunderts einer Frau zuwende, die vor mehr als 800 Jahren gestorben ist, dann tue ich es in der Hoffnung, etwas über ihr Erleben und über ihre psychische Struktur zu erfahren, obwohl mir bewußt ist, wie leicht etwas Subjektives fälschlicherweise in die Geschichte projiziert werden kann.
Die mittelalterliche Heilige Hildegard von Bingen ist als Visionärin berühmt geworden, denn seit ihrer Frühkindheit hatte sie Visionseindrücke, die sie allerdings erst im 43. Lebensjahr aufzuschreiben begann. Das Besondere dieser Vision besteht darin, daß Hildegard sie wahrscheinlich eidetisch wahrnahm, d. h., daß sie die inneren Bilder anordnungsgetreu und deutlicher als Träume wie einen Film sah und über Jahre im Gedächtnis bewahren konnte, um sie später detailreich auszuarbeiten.
Hildegard ist in ihrer Zeit durch die rasche Verbreitung ihrer Visionsbücher bekannt geworden wie auch durch ihren gleichzeitig einsetzenden Briefwechsel.