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Goethes Faust-Drama unterscheidet sich schon durch die sechs Jahrzehnte seiner allmählichen Entstehung von anderer Dichtung. Der nur durch Zufall erhalten gebliebene, unter der Bezeichnung „Urfaust“ bekannt gewordene Kern entstand 1770 bis 1775, als Goethe in seinen Zwanzigern stand; der erst kurz vor seinem Tod vollendete zweite Teil ging 1832 (posthum) in Druck. Die letzten Lebensjahre standen ganz im Zeichen der schrittweisen Fertigstellung. „Dieser Akt“, sagte Goethe von Akt IV des zweiten Teils zu Eckermann (13.2.1831), „bekommt wiederum einen ganz eigenen Charakter, so daß er, wie eine für sich bestehende kleine Welt, das übrige nicht berührt und nur durch einen leisen Bezug zu dem Vorhergehenden und Folgenden sich dem Ganzen anschließt“. Dieser Äußerung zufolge war es nicht mehr in erster Linie Einheitlichkeit, die Goethe anstrebte. In der Tat haben die einzelnen Teile und Akte etwas Separates, in sich Abgeschlossenes - vergleichbar den aufeinanderfolgenden Abschnitten eines langen Lebens. „Diese Widersprüche statt sie zu vereinigen disparater zu machen“, lautet ein Satz in den „Paralipomena“, den nachgelassenen Fragmenten und Entwürfen der Faust-Dichtung, der sich im Licht des von Goethe Geäußerten fast als geheime Idee (oder Werk-Idee) des „Faust“ verstehen läßt. Schiller, mit dem Goethe über den damals noch unfertigen „Faust“ diskutierte, verstand „Idee“ freilich anders; sich dem derzeit Vorhandenen über die Phantasie nähernd, daß er „die Fragmente des Faust zufällig fände und solche auszuführen hätte“, hob er vor allem die „symbolische Bedeutsamkeit“ der Hauptfigur hervor, die ins Philosophische gehende Ansprüche erhebe (23.6.1797). Goethe hingegen unterstrich in seiner brieflichen