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In seinem Aufsatz „Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomenkomplex als ‚Angst-Neurose‘ abzutrennen“ schreibt Freud: „Das Verhältnis dieser Phobien zu den Phobien der Zwangsneurose, deren Mechanismus ich in einem früheren Aufsatz in diesem Blatt aufgedeckt habe…“ (1895b, 33). Strachey macht dazu die editorische Anmerkung: „Die Bezeichnung ‚Zwangsneurose‘ erscheint hier erstmals im Druck. Sowohl das Konzept als auch der Terminus werden auf Freud zurückgeführt“ (ib., Anm. 1).
Dieser beiläufige Hinweis überrascht. Wie ist er zu verstehen? Warum hat Freud nicht selbst hervorgehoben, daß er soeben den Begriff der „Zwangsneurose“ eingeführt hatte? Irrt vielleicht Strachey? Wenn nicht, heißt das, daß man in der Psychiatrie vor 1895 keine Zwangsneurose kannte? Gab es damals keine Zwangssymptome, oder trugen sie einen anderen Namen? Und warum erscheint „Zwangsneurose“ erst 1895 in Freuds Schriften, wo er doch bereits 1894 eine ausgebaute Theorie der „Zwangsvorstellungen“ publiziert hatte, auf die er sich in dem obigen Zitat bezieht (1894a)? War die „Zwangsneurose“ von 1895 nur ein anderes Wort für dieselbe Sache, oder spiegelt sich in der terminologischen Veränderung eine Entwicklung wider; wenn ja, welche?
Im folgenden wird dargestellt, wie Psychiatrie und Neuropathologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Zwangssymptome sahen. Dann werden Freuds erste Beiträge zur Zwangssymptomatik referiert und auf den psychiatrisch-neuropathologischen Kontext zurückbezogen, Als Dokumentation schließt sich Arthur Schiffs deutsche Übersetzung von Freuds „Obsessions et phobies“ (1895 c/1) an, mit einem einleitenden Aufsatz herausgegeben von Michael Schröter.
Die vorliegende Arbeit befaßt sich vorwiegend mit der deutschsprachigen