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Ich bin dankbar, aber etwas verwundert darüber, daß ich gebeten wurde, in meinem Einführungsvortrag einen Überblick über die psychoanalytische Sexualtheorie zu geben. Es ist in diesem Jahrhundert seit der Veröffentlichung von Freuds Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie so viel geschrieben worden, daß es absurd wäre, in Kurzform darstellen zu wollen, was im Laufe der Zeit von Freud selbst, ganz zu schweigen von seinen Anhängern und Gegnern, bis heute hinzugefügt bzw. weggelassen wurde. Es ist wohl besser, die Einleitung auf eine sehr lockere Übersicht über die Theorie sowie verschiedene Konzepte bestimmter Psychoanalytiker innerhalb des psychoanalytischen Rahmens zu beschränken. Damit sollen keinesfalls andere Disziplinen (wie die Psychiatrie, Biologie, Soziologie, Anthropologie, etc.) abgewertet werden, die sich um eine künftige allgemeine (häufig auch psychoanalytische) Theorie bemühen. Ich werde zum Beispiel nicht auf geschlechtsspezifische Störungen oder die vielfältigen Auswirkungen starker physischer Behinderungen wie angeborene Blindheit oder Folgen genetischer Defekte eingehen. Daher wird es möglich sein, sich auf die merkwürdige Geschichte unserer Sexualtheorie seit Freuds Schrift zu konzentrieren, d. h. auf die Tatsache, daß sie nicht nur von vielen Nicht-Analytikern aufgegeben wurde, sondern auch von vielen Kollegen, die sich als Psychoanalytiker betrachten.
Freud dürfte kaum überrascht gewesen sein, wie das Buch von Nicht-Analytikern aufgenommen wurde. Er schloß sein Vorwort zur vierten Auflage mit folgenden Worten:
„Dann aber muß man sich daran erinnern, daß einiges vom Inhalt dieser Schrift, die Betonung des Sexuallebens für alle menschlichen Leistungen und die hier versuchte Erweiterung
Page 77des Begriffes der Sexualität, von jeher die stärksten Motive für den Widerstand gegen die Psychoanalyse abgegeben hat. In dem Bedürfnis nach volltönenden Schlagworten ist man soweit gegangen, von dem ‚Pansexualismus’ der Psychoanalyse zu reden und ihr den unsinn