You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In einer Veröffentlichung über Freuds Verführungstheorie (Eissler i. V) behaupte ich, daß Freud, bevor er in den 1890er Jahren seinen triumphalen Einzug in die Psychologie hielt, eine Phase durchlief, in der man so etwas wie eine Gefühllosigkeit für den psychologischen Faktor bei ihm findet. Dagegen beschreibt Reicheneder (1987) die Entwicklung des Psychologen Freud als einen geradlinigen Fortschritt. Diese Annahme erfordert zwangsläufig den Nachweis, daß Breuers Beitrag viel weniger bedeutsam war, als Freud es selbst sah und als die Forschung mit ihm allgemein glaubt. Ich will einige Aspekte von Reicheneders These erörtern.
1. Reicheneder beurteilt Breuers Verständnis der Erkrankung von Anna O. aufgrund der Berichte, die Breuer 1882 zur Überweisung der Patientin nach Kreuzlingen verfaßte (Hirschmüller 1978, D 23 und D 27). Diese Argumentation ist unhaltbar. Es wäre ganz unpassend gewesen, bei einer solchen Gelegenheit neue Einsichten und Theorien vorzutragen. In einer Krankengeschichte anläßlich einer Überweisung waren nur klinische Angaben am Platz.
2. Nach Reicheneder (1987, 311) hat Breuer die Wirksamkeit der Katharsis kaum erkannt, da er ja die Patientin in eine Anstalt schickte, in der konventionelle Methoden verwendet wurden; und das heißt auch, daß er mit der Überweisung das Scheitern seiner Behandlung eingestand. Im Bericht für Kreuzlingen jedoch beschreibt Breuer die Patientin als Rekonvaleszentin, deren akute Symptome abgeklungen waren und die sich auf dem Weg der Besserung befand. Hauptzweck der Überweisung war die Entwöhnung von Morphium und Chloral, die nicht in die Zuständigkeit der kathartischen Therapie fiel. Breuer hatte keinen Grund zu glauben, daß seine Beobachtungen für alle Fälle von Hysterie gültig seien oder daß