You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Gibt es so etwas wie eine „Psychoanalyse der Befreiung“? Sicher nicht, wenn wir unter Psychoanalyse nur die „klassische“ verstehen, mit vier Wochenstunden über viele Jahre auf der Couch. Aber meine Arbeit im Psychiatrischen Krankenhaus in Managua, als ausbildende Internacionalista im Psychosozialen Dienst der Sandinistischen Regierung, vielerlei Psychotherapien mit Exilierten aus lateinamerikanischen Ländern in meiner Wiener Privatpraxis, Gespräche mit lateinamerikanischen Kolleginnen und Kollegen auf Kongressen in Ciudad de México und La Habana — und nicht zuletzt die Begegnung mit Marie Langer und ihrem „Internationalistischen Team México-Nicaragua“ — all das hat mich etwas verstehen gelehrt von dem, was „Lateinamerika“ ist, und von dem, was mein (unser) Instrumentarium leisten kann unter völlig anderen Bedingungen als den uns vertrauten unsrer „Wohlstandsanalysen“ in unsrer Wohlstandsgesellschaft: unter den Bedingungen von Abhängigkeit, Ausbeutung, Armut, von extremer politischer Unterdrückung und politischem Kampf.
Aus diesen Erfahrungen ergibt sich mir die These, daß es „die Psychoanalyse“ nicht gibt — nicht in Nicaragua, nicht in Lateinamerika, und vielleicht nirgendwo. So wie es — nicht nur in Lateinamerika — zwei Kirchen gibt, die der Reichen und die der Armen, gibt es auch (mindestens) zwei Psychoanalysen. Ich weiß nicht, ob es schon berechtigt ist, analog zur Theologie der Befreiung von einer „Psychoanalyse der Befreiung“ zu sprechen. Aber ich weiß, daß es in vielen lateinamerikanischen Ländern neben der klassischen, national und international organisierten Psychoanalyse auch — stärker als in Europa — Bestrebungen gibt, das Wissen von Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern in den Kontext sozialer und politischer Befreiungsprozesse zu stellen. Von dieser Psychoanalyse soll hier die Rede sein.