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Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen die Dinge, wir wir sind.
Der Versuch ist immer wieder verführerisch, logische Kausalverbindungen zu postulieren etwa in dem Sinne, daß bestimmte Lebens-Ereignisse oder -Konstellationen genau definierbare Reaktionen oder gar Neurosen beim Menschen hervorrufen. Aber die Variabilität und Unvorhersehbarkeit unserer Biographien widerspricht in einem provokanten Sinn diesem Kausalitätsbedürfnis — eine causa, eine Ursache letztlich erklärbar außerhalb unserer selbst zu haben. Wir beobachten zudem, daß unsere bewußte Ansicht über die eigene Lebensgeschichte Wandlungen unterworfen ist — wir denken heute über bestimmte Ereignisse und Personen in unserem Leben anders als z.B. in unserer Jugend oder gar Kindheit. Als Psychoanalytiker schließlich erkennen wir, daß jeder Mench seine individuelle unbewußte „innere Logik“ hat, mit deren Hilfe sein Ich z. B. seine (neurotische) Konfliktverarbeitung organisiert. Diese kann von unbewußten Phantasien bestimmt sein, welche eine erhebliche traumatische Wirksamkeit entfalten und die individuelle Entwicklung an bestimmten Punkten scheitern lassen.
Freuds Fallgeschichte vom Wolfsmann war für mich immer wieder Anlaß, über diese Zusammenhänge nachzudenken. In seiner Arbeit „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose“ (1918b) führt Freud die Kastrationsangst und starke Ausprägung der primär weiblichen Haltung des Wolfsmannes auf eine mindestens zweiphasische Nachträglichkeit zurück: die Beobachtung des Koitus a tergo der Eltern im Alter von eineinhalb Jahren — erstes Ereignis —, den Wolfstraum (der dem Patienten den Namen gab) nach einer Kastrationsdrohung mit anschließender Entwicklung