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Die Einladung zur Karl Abraham-Vorlesung, die Bitte, vor der von ihm gegründeten Gesellschaft zu sprechen, empfinde ich als besondere Ehre. Karl Abraham hat - nach Freud selbst - den wohl umfassendsten Beitrag zu unserer Disziplin geleistet. Noch bedeutsamer ist, daß er sich heute, wo wir soviel mehr über die Lebensläufe der ersten Psychoanalytiker-Generation wissen, als der untadeligste von ihnen erweist, als ein Mann, auf den das lateinische Epitheton „integer vitae“ voll zutrifft.
Zu den interessantesten Fragen, die das Studium der Geschichte aufwirft, gehört auch die, warum nachfolgende Epochen eine bestimmte Zeit besser begreifen als diese sich selbst. Da eine erschöpfende Antwort kaum möglich ist, mag - als Kompromiß - die Feststellung genügen, daß spätere Epochen eine Zeit anders begreifen als sie sich selbst. Im folgenden vertrete ich daher die These, daß wir das Zeitalter Freuds anders begreifen können und müssen, als Freud und Abraham selbst es taten, und zugleich offenlassen sollten, ob wir es besser begreifen als sie. In meinem heutigen Vortrag möchte ich Sie einladen, vertraute Fakten aus einer neuen Perspektive zu betrachten, die sich von dem in psychoanalytischen Vorträgen sonst üblichen Blickpunkt unterscheidet. Wir wollen herauszufinden suchen, in welchem Maße die große Auseinandersetzung zwischen zwei philosophischen Traditionen - der aufklärerischen und der romantischen - die Geschichte der Psychoanalyse mitgeprägt hat.