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Den Begriff Negative Capability benutzte Bion 1970 in Attention and Interpretation. Er stammt von dem Poeten John Keats. Dieser prägte ihn in einem Brief an seinen Bruder 1817. Der Absatz lautet folgendermaßen:
Several things dovetailed in my mind, & at once it struck me, what quality went to form a Man of Achievement especially in Literature & which Shakespeare possessed so enormously - I mean Negative Capability, that is when a man is capable of being in uncertainties, mysteries, doubts, without any irritable reaching after fact & reason. (Gittings 1986, 261)
Die Fähigkeit, im Zweifel verharren zu können, ohne voreilig eine Entscheidung zu treffen, sah Bion als Voraussetzung für ein Beobachten, das neue Erkenntnisse ermöglicht. Zurückgreifen auf schon vorhandenes Wissen, schon geprüfte Erkenntnisse, trübt den Blick für neue Aspekte des Beobachteten.
Was meinte Keats? Sicher war er froh, einen Namen für etwas gefunden zu haben, das ihm wichtig war. Aus dem weiteren Briefinhalt geht hervor, daß der unmittelbare Anlaß Ärger über den Dichter Coleridge war. Dieser hatte an einem Werk Wordsworths etwas auszusetzen gehabt. Keats fand Coleridges Kritik pedantisch und einengend. Er verlangte für den schöpferischen Künstler Freiheit und kein kleinliches Kleben an Fakten, sondern die höhere Wahrheit, die gleich Schönheit ist. Keats hatte sich dieses romantische Ideal erarbeitet, das ihn trug. Seine Ansichten waren überhaupt von dem romantischen Ideal der Freiheit geprägt, das von der Aufklärung kam und in England um diese Zeit politisch wirksam war.
Gittings, in seiner Biographie über Keats 1968, vermutet, daß es drei Elemente waren, die sich mit einem Schlag zu einem Ganzen zusammenfügten (dovetailed) und es Keats erlaubten, den neuen Begriff zu finden. Hier folgt eine Zusammenfassung von Gittings Darstellung.
Das erste Thema ist die Schauspielkunst Keans. Kean war damals ein berühmter Darsteller von Shakespeares Gestalten. Keats beschrieb ihn so: