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Wien 18 März 1885.
Liebes Rosel
Eine plötzliche Veränderung in meinen Verhältnißen macht es mir unmöglich, anders als mit einem Brief und vielen herzlichen Glückwünschen Deinen Geburtstag zu begehen. Denke Dir nur, ich habe meine Curse aufgeben müßen, weil ich auf eine andere Abtheilung versetzt worden bin, muß wieder selber pumpen und sehe meine Spitals-carrière unterbrochen. Dafür bin ich zur Dozentur zugelassen, die Erledigung aller Formalitäten bis zur Bestätigung durch den Minister wird aber noch bis Ende Juli dauern. Sobald dies geschehen ist, will ich aus dem Spital austreten und mich mit meinem kleinen Kapital von 1500fl als Nervenarzt hier niederlassen. Dann wollen wir sehen, wie bald es geht.
Im Ganzen befinde ich mich sehr wol, habe wenig zwangsweise zu thun u kann an meinen eigenen Arbeiten, die noch hier fertig werden sollen, schaffen. Nur ein wenig ungeduldig bin ich auf den Sommer, der mir noch zwei schöne Dinge bringen kann. Ich habe nämlich Aussicht [gestrichen: zu] ein Reisestipendium zu bekommen, mit dem ich nach Paris - auf einem Umweg - gehen kann um dort zwei Monate zu verbringen. Ich freue mich natürlich auf den Umweg ebenso sehr wie auf das Ziel. Jetzt weißt Du alles von mir u jetzt ist wieder Zeit, daß ich Dir recht viel Schönes wünsche,
* Gerhard Fichtner ist emeritierter Professor für Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen. Forschungsschwerpunkte: Geschichte der Psychiatrie und der Psychoanalyse.
Page 201alles was Du verdienst u willst, und mir, daß ich dazu beitragen kann, es Dir zu verwirklichen.
Ich weiß, daß Du sehr warm in einem heimischen Nest sitzest; aber sag mir doch, es fehlt Dir doch auch manches, und Du langweilst Dich ein wenig ohne selbständige Thätigkeit? Wird es damit nichts werden? Wie immer, Du wirst von dem Aufenthalt soviel angenehme Erinnerungen, soviel Ruhe und Kräftigung davontragen, daß Du nie bereuen wirst, auf Emanuel's Vorschlag eingegangen zu sein. Ich kann es leicht verstehen, daß er oft verstimmt is