You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Am 5. März 2006 verstarb Janine Chasseguet-Smirgel im Alter von 77 Jahren in Paris. Mit ihr verlor die internationale Psychoanalyse eine kreative, engagierte, kämpferische und zugleich tolerante Fortsetzerin des Freudschen Aufklärungsprojekts, die sich mit besonderer Leidenschaft der außertherapeutischen Anwendung der Psychoanalyse gewidmet hat. Für ihre deutschen Leser bedeutet ihr Tod darüber hinaus den Verlust einer aufmerksamen und kritischen Beobachterin der Entwicklungen und Verwerfungen speziell der deutschen Kultur - »Kultur« verstanden in dem weiten Sinn, den Freud meint, wenn er mit diesem Wort »die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen bezeichnet […], die zwei Zwecken dienen: dem Schutz der Menschen gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander« (Freud 1930a, 448f.).
Es ist zuallererst eine äußerst bittere Erfahrung, die Janine Chasseguet-Smirgel mit der deutschen Art der »Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander« gemacht hat: Einige ihrer nächsten Verwandten wurden von den Nationalsozialisten in Vernichtungslager verschleppt und ermordet. Aber sie hat diesen finsteren Abweg der deutschen »Kultur«-Geschichte nie für das Ganze genommen, sie hat dem mörderischen deutschen Antisemitismus kein anti-deutsches