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»Antisemitismus ist, wenn man die Juden noch weniger leiden kann, als es an sich natürlich ist« spöttelte einst Henryk M. Broder in seinem damals als Skandal empfundenen Buch Der ewige Antisemit (Broder, 1986), in welchem die deutsche Nachkriegsbefindlichkeit scharfzüngig aufs Korn genommen wird. Antisemiten heutzutage übersehen nach Broder,
»daß Auschwitz in der Geschichte des Antisemitismus ein atypischer Exzess war, der nicht als Maßstab genommen werden darf, daß also einer gegen Auschwitz und dennoch Antisemit sein kann, mehr noch, daß die Verurteilung des NS-Antisemitismus eine notwendige Voraussetzung für die Entfaltung eines »sauberen« Antisemitismus ist, der sich von Auschwitz und den Nazis nicht von vorneherein diskreditieren lassen möchte« (Broder, 1986, S. 38).
Hat Auschwitz uns um den natürlichen Antisemitismus betrogen? Broder formuliert drei Annahmen, über die im Folgenden assoziiert werden soll. Die erste These lautet, die Ursache des Holocaust sei ein »übertriebener Antisemitismus«. Die zweite Annahme, die auch Freud in Der Mann Moses und die monotheistische Religion (Freud, 1939a) vertritt, geht von einem überhistorischen, gleichsam natürlichen Antisemitismus aus. Die dritte Annahme bezieht sich auf die Eigenart des postnazistischen Antisemitismus, der sich als eine Serie scheiternder Entlastungsversuche darstellt, sich von Auschwitz zu distanzieren.