You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Der Antisemitismus, der sich nach der Shoah in Deutschland herausgebildet hat und als Reaktion der Deutschen auf dieses Menschheitsverbrechen verstanden werden kann, ist, wie Stoupel in ihrem Text betont, ein Antisemitismus nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz. Die Jüdinnen und Juden werden beschuldigt, dass sie nicht aufhören, die Deutschen mit der Erinnerung an ihre schuldhafte Vergangenheit zu belasten. Der Vorwurf operiert mehrstufig: Die tatsächlichen und vermeintlichen Vergehen der Juden werden aufmerksam registriert und gegen die historische Schuld der Deutschen aufgerechnet, um damit die Jüdinnen und Juden als schuldige Opfer konstruieren zu können, und den Jüdinnen und Juden wird schließlich gemäß einem alten Klischee der Drang nach Vergeltung für die in der Zeit des Nationalsozialismus erlittenen Verbrechen unterstellt. Schon früh wurde aufgrund solcher Phänomene aus einer psychoanalytischen Perspektive von einem »Schuld- und Erinnerungs-Abwehr-Antisemitismus« (Adorno) gesprochen, dem es vor allem darum zu tun war und ist, die historische Täter-Opfer-Relation umzukehren, also die Deutschen zum eigentlichen Opfer der Geschichte zu erklären und zu entlasten. Die Vorwürfe gegen die Jüdinnen und Juden dürfen jedoch nicht öffentlich geäußert werden (zumindest galt dies noch bis vor 15 bis 20 Jahren) und stehen im Widerspruch zur Ächtung des Antisemitismus in der öffentlichen Kommunikation; nur zu bestimmten Anlässen tauchen sie aus der Latenz wieder auf und produzieren »Skandale«, von denen Stoupel die Debatte um Fassbinders Stück Der Müll, die Stadt und der Tod erwähnt.
Dieser Form des postnazistischen oder sekundären Antisemitismus ging der eliminatorische Antisemitismus des Nationalsozialismus voraus. Um die Frage, in welchem Verhältnis Shoah und Antisemitismus stehen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine höchst kontroverse Debatte entwickelt. Zygmunt Bauman und Hannah Arendt, auf die sich Stoupel in ihrer Analyse im Wesentlichen bezieht, gehen