You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Bernd Nissen (2022) geht von der »Beobachtung« aus, dass das kleinianische Paradigma an Attraktivität verliert, und zwar sowohl hinsichtlich theoretischer Grundannahmen als auch behandlungstechnischer Grundeinstellungen. Mehr noch, es gibt inzwischen eine ganze Reihe klinischer Phänomene, die im kleinianischen Paradigma weder theoretisch noch behandlungstechnisch zugänglich sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob im Kleinianismus ein Paradigmenwechsel ansteht.
Im Hinblick auf diese Frage rekonstruiert Nissen den im Sinne der Wissenschaftstheorie von Imre Lakatos (1974) axiomatischen Strukturkern des Kleinianismus, den er in der Arbeit von Susan Isaacs (1948) über unbewusste Phantasien sieht. Entscheidend ist hier die Aussage, dass alle im Säugling wirksamen körperlichen libidinösen und destruktiven Triebspannungen von Geburt an als Phantasien psychisch repräsentiert sind (1948, S. 81). Als Erleben (»experience« [1948]) sind sie ichhafter und (partial-) objektaler Art. Dieser Strukturkern »gestaltet« auch die Behandlungstechnik, die auf die unbewussten Phantasien des Patienten fokussiert.
Eine solche Grundvorstellung wird zwangsläufig dann problematisch, wenn es klinisch evident wird, dass es psychisch nicht repräsentierte Zustände gibt (z. B. traumatischer, autistischer Art) und es demzufolge zunächst um Psychisierungsprozesse geht, in denen psychische Elemente erst geschaffen werden müssen (z. B. Containing). Behandlungstechnisch geht es also primär nicht um die Aufdeckung eines abgewehrten Vorhandenen,