You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Meine erste Begegnung mit Sigmund Freud ergab sich kurz vor dem Abitur. Ich las damals Die Traumdeutung und war hingerissen von dem Text. Auf eine übergeordnete, äußerst kluge und hintersinnige Weise schien er auf einen ganzen Packen meiner eigenen Probleme zu antworten. Wie andere junge Leute auch war ich damals politisch sehr links eingestellt, und die hartnäckigen Fraktionen aus diesen Gruppierungen waren nicht gerade begeistert von Freud, weil ihrer Auffassung nach die Psychoanalyse vor der erstrangigen Aufgabe ablenkte, die Revolution voranzutreiben. Therapien waren etwas für verhätschelte Bürgerkinder, die sich auf krumme Weise nach Mami und Papi sehnten. In Berlin angekommen, lernte ich in meiner Wohngemeinschaft Frauen aus der Frauenbewegung kennen, die auch nicht so ohne Weiteres von der Psychoanalyse begeistert waren, weil sie Freud unterstellten, er denke und schreibe zu männerlastig.
Ich las unverdrossen weiter und war begeistert von Freuds klarer Sprache, seiner Fähigkeit, die sensationellen Erfahrungen aus den Sitzungen mit den Patienten zu erläutern und daraus nicht weniger sensationelle Schlüsse zu ziehen. Ich vertraute Freud. Er war kein Scharlatan, der sich mit falschen Federn brüstete, sondern ein umsichtiger Mann, sehr gebildet obendrein, der sich aus dem Wissen, das ihm seine jüdische Herkunft mitgegeben hatte, und seinem geradezu lodernden Interesse an den antiken Stoffen ein gescheites Denkfutter zubereitet hatte, wobei er sich glänzend darauf verstand, die daraus gezogenen Schlussfolgerungen umsichtig zu erklären. Einen enormen Anstoß, mich mit den Schriften Freuds zu befassen, lieferten die faszinierenden Vorlesungen und Seminare, die ich bei den
Religionswissenschaftlern besuchte. Renate Schlesier und Klaus Heinrich verdanke ich diesbezüglich sehr viel.
Bald darauf hatte ich einen neuen Freundeskreis in Berlin, von denen einige auf die Schriften Jacques Lacans abonniert waren. Mit einem aus dem damaligen Gschwarl bin ich bis heute befreund