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Eine 15-jährige, welche zu mir in Analyse kommt, will keine Brüste haben und Testosteron bekommen, aber sicher keine Penisplastik. Sie war schon mehrfach hospitalisiert, hatte sich massiv selbst verletzt, dann, wenn die Emotionen unaushaltbar wurden. Jetzt ist das Schneiden weniger geworden, aber sie hat Alkohol und Cannabis entdeckt. Sie erklärte mir einmal, sie wolle nicht Mädchen, aber auch nicht wirklich Junge sein. Am liebsten, so meinte sie, wäre sie eine Katze. Auf mein Erstaunen meinte sie:
»Dann müsste ich mich nicht so sehr mit mir selber auseinandersetzen, ich wüsste einfach, wer ich bin. Ich halte diese Unsicherheit nicht aus. Wenn ich doch nur wüsste, was ich sein soll, was ich bin. Als Katze hätte ich all die Fragen nicht. Könnte kommen und gehen, hätte niemanden nötig. Warum ist es so kompliziert, Mensch zu sein?«
Tiere müssen sich nicht eine Identität geben, sondern »wissen«, was sie sind. Der Mensch hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass er sich selber einen Sinn im Leben schaffen muss. Mit dem »facere veritatem« von Augustinus (1959, X 1, S. 229) lässt sich sagen, dass wir die Wahrheit nur herstellen können. Es scheint, als ob Wahrheit zu finden sei, doch ist dieses Finden eher ein Tun oder ein Herstellen. In den vergangenen Jahrhunderten wurde die Identität einem Menschen mehr von außen zugeschrieben, aber heute gibt es viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten, was aber auch verlangt, eigene Identität vermehrt selber zu schaffen. Die Schaffung der Identität ist somit eine wichtige Aufgabe der Adoleszenz, welche als interaktive Kreation im Austausch zwischen der Umwelt und dem Individuum
stattfindet. Ich sehe die Frage nach dem Geschlecht, welche viele Jugendlichen heute umtreibt, vor allem im Zusammenhang nach ebendieser Identitätsschaffung. Diese Schaffung ist niemals gegeben, sondern eine flexible Konstruktion.
Lange, so schien mir, waren wir Analytikerinnen und Analytiker unter einer Schockstarre, wenn es um die Frage nach trans Menschen ging.