You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Im Sommer 1930 erreichte Sigmund Freud die Nachricht, dass die Stadt Frankfurt ihm zum 28. August den Goethe-Preis verleihen wolle. Dass die Entscheidung hierfür mit sieben zu fünf Stimmen knapp ausgefallen und über das Gremium hinaus umstritten war, konnte Freud, der die Auszeichnung in seiner Nachschrift als »Höhepunkt meines bürgerlichen Lebens«1 bezeichnete, (zunächst) nicht wissen - vermutet haben wird er es. Unterstützt wurde der Antrag, durch die Frankfurter Zeitung schon 1929 angeregt, maßgeblich von Alfred Döblin (der für die Preußische Akademie der Künste mitstimmte und im Erstberuf als psychoanalytisch orientierter Arzt praktizierte), Alfons Paquet, Schriftsteller und Sekretär des Kuratoriums, und Frankfurts Oberbürgermeister Ludwig Landmann.2 Freuds Antwort an Paquet ist ein bemerkenswertes biographisches Zeugnis. Wie sehr den Begründer der Psychoanalyse die ihm durch den Preis zugesprochene Anerkennung für seine Arbeit berührte, verdeutlichen die Eingangszeilen: »Ich bin durch öffentliche Ehrungen nicht verwöhnt worden und habe mich darum so eingerichtet, daß ich solche entbehren konnte. Ich mag aber
Sigmund Freud: Gesammelte Werke (GW) 16, S. 31-34, S. 33.
Oliver M. Piecha: Herr F. und das Gerangel um den Goethepreis. Blick hinter die historischen Kulissen der bedeutendsten Auszeichnung, die Frankfurt zu vergeben hat. In Forschung Frankfurt, 3/2005, S. 58-61.
nicht bestreiten, daß mich die Verleihung des Goethe-Preises […] sehr erfreut hat.«3 Der Brief habe ihn »ergriffen und verwundert«, auch wegen der »liebenswürdigen Vertiefung in den Charakter meiner Arbeit«, und er fügt doppelsinnig hinzu, »habe ich doch nie zuvor die geheimen persönlichen Absichten derselben mit solcher Klarheit erkannt gefunden wie von Ihnen und hätte Sie gern gefragt, woher Sie es wissen.«4
Die Auszeichnung aus Goethes Heimatstadt - erste Preisträger waren 1927 Stefan George und 1928 Albert Schweitzer gewesen - wurde Freud in einem Lebensabschnitt körperlicher Schwäche zutei