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Merkwürdigerweise haben die Freudschen Lehren in Italien noch kein großes Interesse erregt, obgleich meines Erachtens der italienische Geist, dank seiner Lebhaftigkeit und Feinheit, den scharfsinnigen Denkoperationen der Psychoanalyse zugänglich sein sollte. Die Ursachen solcher Vernachlässigung lassen sich jedoch aus der gegenwärtigen Lage der psychiatrischen Forschungsweise in Italien begreifen.
Man kann sagen, daß im großen und ganzen die italienischen Forscher auf diesem Gebiete in zwei Hauptgruppen zerfallen. Die erste folgt einer Richtung, welche man als klinische bezeichnen kann und die sich mit der Symptomatologie und Klassifikation der Psychosen befaßt. Die andere verfolgt im Gegenteile die anatomische Richtung und beschäftigt sich hauptsächlich mit histologischen und biochemischen Fragen. So kommt es, daß die eigentliche psychopathologische Forschung einer ziemlichen Vernachlässigung anheimgefallen ist, bis auf einige spezielle Gebiete, wie die Mediumnität und geistige Abnormitäten bei Kindern; letzteres wegen seines besonderen praktischen Interesses.
In den letzten drei Jahren jedoch sind zwei ziemlich eingehende Studien über die Freudschen Lehren erschienen, welche hoffen lassen, daß diese Forschungen in Italien einer ernsten und unparteiischen Beurteilung unterzogen werden, so daß man ihre Ergebnisse benutzen kann, ohne deshalb sich einer voreiligen und gefährlichen Begeisterung hinzugeben und auch ohne ihnen die Feindseligkeit, das Vorurteil und die leidenschaftlichen, verständnislosen Kritiken entgegenzubringen, welche, besonders in Deutschland, dem Ernste und dem Fortschritte der psychopathologischen Forschung Abbruch getan haben.