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Zwischen der Individualpsychologie und der Völkerpsychologie bestehen gewisse innige Beziehungen, welche es gestatten, Prinzipien, die man aus der ersteren gewinnt, auch auf die zweite und umgekehrt anzuwenden. Gesetze, welche die Bildung und den Ablauf von Ideen, Entwicklungen und Äußerungen von Trieben, Hemmungserscheinungen, Gewohnheiten, Charakterbildung, Erziehung, Geschmacksbildung usw. beim Individuum betreffen, lassen sich in äquivalenten Erscheinungen der Volkspsyche, als da sind: Zeitgeist, Volkswille, allgemeines Vorurteil, Sitte, herrschender Geschmack, Kunstrichtung usf., mehr oder minder genau nachweisen.
Als mir vor einigen Jahren die merkwürdigen Entdeckungen Freuds, welche die sogenannte „Nachtseite“ des Seelenlebens angehen, bekannt wurden, fand ich die Aufgabe sehr verlockend, nach den völkerpsychologischen Äquivalenten der von dem genannten Forscher für die Individualpsychologie gefundenen Ergebnisse auszuspähen. Vor allem schienen mir die Begriffe der „Verdrängung“ und des damit zusammenhängenden „Widerstandes“ für eine Bearbeitung der Völkerpsychologie nach Freudscher „psycho-analytischer“ Methode sich als fruchtbar anzukündigen. Es schien mir nämlich, daß insbesondere in der Entwicklung der wissenschaftlichen Anschauungen beständig Verdrängungen stattfänden, indem das der jeweiligen akademischen Ansicht Unbequeme gerne in ein künstliches Vergessen gesperrt werde, und daß sich, wenn das so Verdrängte dennoch wieder irgendwie angeregt wird, alsbald Angstgefühle einstellten, welche, mit heftigen Widerständen gepaart, den status quo zu verteidigen trachteten. Gar häufig verfalle der wissenschaftliche Organismus dann in eine übertriebene