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Als ich einmal einige Tage in einer fremden Stadt zubrachte, besuchte mich eine Frau, um meine Meinung über ihren Zustand zu hören. Sie war klein und zart und machte den Eindruck einer tief Leidenden. Sie erzählte mir folgende Geschichte:
Mit 24 Jahren hatte sie aus Neigung geheiratet. Sie war jetzt in den ersten Vierzigerjahren. Ihr Mann war Professor und war ihr immer mit den wärmsten Gefühlen entgegengekommen; sie konnte sagen, daß ihre Ehe bis zur Zeit der Krankheit ungewöhnlich glücklich war. Sie hatte 4 Kinder geboren, welche sämtlich gesund waren und sich gut entwickelten. In pekuniärer Hinsicht lebte sie in kleinen Verhältnissen, aber ohne Kummer.
Ihr letztes Kind bekam sie vor 10 Jahren und von diesem Ereignis an datiert ihr Leiden. Es war ein schweres Wochenbett. Nachher bekam sie Fieber, lag mehrere Wochen zwischen Tod und Leben und wurde dabei immer mehr entkräftet. Sie hat sich vorgestellt, daß diese starke Erschöpfung die Ursache der Krankheit sei. Der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ist ihr aber ein Geheimnis geblieben, über welches sie in allen diesen Jahren täglich gegrübelt hat.
Während des Wochenfiebers wurde sie von einem älteren Arzt gepflegt, der auf beste Weise seinen ärztlichen Pflichten nachkam. Er besuchte sie oft am Abend, bisweilen blieb er ein Stündchen im Halbdunkel an ihrem Bette sitzen, ohne viel zu sprechen. Sie bemerkte, wie er allmählich in ihr Gedankenleben hineinschlich, sie sehnte sich nach seinem Besuche, und die Zeit, wo er bei ihr saß, wurde der Inhalt des Tages. Sie barg seine Worte tief in ihrer Seele und fing an mit ihm in ihren Gedanken zu reden.