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Fragte man mich, welcher unter den kühnen und umwälzenden Beiträgen Sigmund Freuds zur Erkenntnis des Menschlichen auf mich den stärksten Eindruck gemacht habe, und welche seiner literarischen Arbeiten mir zuerst in den Sinn kommen, wenn sein Name fällt, so würde ich ohne Besinnen die große, viergeteilte Abhandlung über „Totem und Tabu” im zehnten Band seiner Gesammelten Schriften nennen. Unwahrscheinlich übrigens, daß ich mit solcher Vorliebe allein stehe, denn mag es auch, angesichts des Weltruhmes, von dem heute die Gesamtleistung des großen Forschers getragen ist, eine Kundgebung fast rührender Gelehrtenbescheidenheit bedeuten, wenn er diese Aufsätze, im Vorwort, von seinem übrigen Lebenswerk unterscheiden zu sollen glaubt, indem er ihnen ausnahmsweise einen „Anspruch auf das Interesse eines größeren Kreises von Gebildeten” zuschreibt, so ist wohl richtig, daß sie die — in einem relativen und anspruchsvollen Sinn — populärste von seinen Schriften bilden, und zwar weil sie nach ihren Absichten und Einsichten die medizinische Sphäre weit ins allgemein Geisteswissenschaftliche hinaus überschreiten und vor dem der Frage des Menschen nachhängenden Leser ungeheure Perspektiven seelischer Vergangenheit, Urwelttiefen moralischer, gesellschaftlicher, mythisch-religiöser Früh- und Vorgeschichte der Menschheit erhellend aufreißen.
Der außerordentliche Reiz der Abhandlung ist verschiedentlich erklärbar. Zunächst ist sie ohne Zweifel die rein künstlerisch höchststehende unter den Arbeiten Freuds, nach Aufbau und literarischer Form ein allen großen Beispielen deutscher Essayistik verwandtes und zugehöriges Meisterstück. Das ist kein Wunder und hat doch etwas Geheimnisvolles. Denn in der hohen Lesbarkeit gerade dieses Werkes, das sich aus der klinischen Sphäre zur kühnen Weitsicht in die Sphäre des menschlich-allgemein Interessanten erhebt, bekundet sich das humane Gesetz der Form, die metaphysische Verbundenheit