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In der siebenten Geschichte des neunten Tages seines Dekameron erzählt Boccaccio:
Talano hatte ein schönes Mädchen geheiratet, das aber bizarr, unfreundlich und ungefällig war. Als sich beide auf einem Landgut befanden, träumte er, er sähe seine Frau durch einen Wald in der Nähe gehen; plötzlich sprang ein gewaltiger Wolf aus dem Gebüsch an ihre Gurgel und zerfleischte ihr Gesicht und Hals vollständig. Am Morgen warnte er seine Frau: trotzdem sie unfreundlich zu ihm sei, täte es ihm doch leid, wenn ihr etwas Schlimmes geschähe. Die Frau aber antwortete: „Chi mal ti vuol, mal ti sogna. Tutifai molto di me pietoso, ma tu sogni di me quello che tu vorresti vedere.” (Wer dir übel will, träumt von dir übel. Du tust dich sehr mitleidig um mich, aber du träumst von mir, was du sehen willst.) Und sie unterschiebt dem Mann sogar die Absicht, sie von dem Wäldchen fernzuhalten, da er sich dort mit einer andern treffen wolle.
Die Deutung der Frau mutet uns ganz analytisch an. Nicht so — wenigstens auf den ersten Blick — der weitere Fortgang der Geschichte: Die Frau geht in das Wäldchen, wird dort von einem Wolf tatsächlich angefallen, der ihr Gesicht und Hals furchtbar zurichtet, so daß sie für ihr Lebtag entstellt ist. Auch das Urteil der Zuhörer dieser Erzählung scheint uns ein Durchbruch des Dämonenglaubens jener Zeit: es handle sich gar nicht um einen Traum, sondern um eine Erscheinung.
Wir aber sind berechtigt, die ganze kleine Dichtung so zu betrachten wie einen Traum. Der Träumende ist wie die Erzählerin Pampinea eine Frau. Sie wünscht, daß ihr Mann eifersüchtig auf sie sei, daß er sie gewalttätig liebe (man denke an die Entstellung von Frauen durch ihre Liebhaber gerade in Italien mittels Zerfleischung der einen Gesichtshälfte, welche diese Frauen als stolzes Zeichen ihrer Liebe tragen). Und das erklärt auch ihre Unfreundlichkeit und Ungefälligkeit, mit der sie gleichfalls Gewalttätigkeit erzwingen will.
Dr. Karl Landauer (Frankfurt)