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Victor Hugo betont in seinem Buche „William Shakespeare” (Quatrième édition, Paris 1869, p. 208 f.) die mütterliche Haltung Cordelias Lear gegenüber in so besonderer und besonders ausgedrückter Art, daß man meinen könnte, der Dichter habe unbewußt den latenten psychischen Inhalt dieser Beziehung erkannt. Seine Darstellung erscheint wie eine vorweggenommene Bestätigung der Deutung, die Freud von dem mythischen Kern dieses Motivs gegeben hat. (Das Motiv der Kästchenwahl. Gesammelte Schriften, Band X.)
Hugo schreibt: „Lear befindet sich im Zustande der Kindheit. Ach, er ist ein Kind, dieser Greis. Also fehlt ihm eine Mutter. Da erscheint seine Tochter. Seine einzige Tochter Cordelia …” Auch die Wortwahl der folgenden Zeilen weist auf diese verborgene Natur der Beziehungen zwischen den beiden Personen, wie sie der ursprüngliche mythische Kern gezeigt haben könnte, hin: ‚Von diesem Augenblick an beginnt das anbetungswürdige Stillen durch die Mutter. Cordelia beginnt diese verzweifelte Seele des Alten, die inmitten des Hasses an Entkräftung dahinstarb, zu nähren. Cordelia nährt Lear mit Liebe und sein Mut kehrt wieder; sie nährt ihn mit Ehrfurcht und sein Lächeln kehrt wieder; sie nährt ihn mit Hoffnung und das Vertrauen kehrt wieder; sie nährt ihn mit Weisheit und die Vernunft kehrt wieder.” Für den Dichter ist Lear nach Cordelias Tod „der Vater als Waise seines Kindes.”
Th. R.