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„Auslegungen der Seele” heißt ein gehaltvoller Essay von August Vetter im Septemberheft 1929 der „Zeitschrift für Menschenkunde”. (Auf eine — die Psychoanalyse ebenfalls ins Auge fassende — frühere Studie desselben Verfassers haben wir in dieser Zeitschrift, Heft 1, S. 88 ff., bereits hingewiesen.) Der neuen Arbeit Vetters entnehmen wir folgenden Passus:
„Die neue Lage der Seelenforschung seit Freud ist durch eine tiefergreifende, nacktere Auffassung der ,seelischen Energie’ gekennzeichnet. Wo Bergson noch dichterisch verhüllt vom Schaffenstrieb, von der Lebensschwungkraft redet, da spricht die Psychoanalyse unmittelbar vom Zeugungstrieb, von Sexualität und Libido. Sie überträgt gleichsam den Text des Bewußtseins in die Ursprache. Der seelische Ablauf wird hier nicht mehr wie ein Bühnenspiel unbeteiligt angeschaut; es genügt auch nicht, sich in sein Geschehen einzufühlen, wie sich ein Schauspieler in seine Heldenrolle einschmiegt, ohne selbst zum Helden zu werden. In der Geschlechtlichkeit tritt uns das Leben als unsere geheimste, eigenste Wirklichkeit entgegen, so daß jede Aussage darüber sofort zu einem persönlichen Bekenntnis wird. Daraus erklärt sich die Peinlichkeit und das Entsetzen, das die reine Trieblehre zunächst erweckt.
Aber noch durch einen weiteren Umstand ist die Psychoanalyse grundlegend yon der sonstigen Betrachtungsweise geschieden. Aus der Beobachtung