You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Unser psychologisches Interesse wird durch so vieles an der dichterischen Phantasie angezogen: durch ihre Voraussetzungen und Ziele, das Vorstellungsmaterial, aus dem sie aufgebaut ist, die seelischen Vorgänge in ihrer Gestaltung. Bestimmte Fragen des künstlerischen Schaffens entziehen sich den Methoden der Psychoanalyse, andere hat sie noch nicht in Angriff genommen. Ihre Forschung ist am weitesten dort vorgedrungen, wo das Quellgebiet der künstlerischen Phantasie zu suchen ist. Der Vergleich von Dichtung, Traum und Tagtraum hat sich ihr als besonders fruchtbar erwiesen. Haben sich auch die unbewußten Motive sowie die Dynamik des dichterischen Schaffens zu einem großen Teile unserem Verständnisse erschlossen, so bleibt doch genug des Rätselhaften übrig. Wir werden jede, auch die unzureichende, Einsicht willkommen heißen, wenn sie uns nur verspricht, etwas Neues über die verborgenen Vorgänge der dichterischen Phantasietätigkeit zu verraten. Auf überraschende Art hat mir unlängst der Zufall zu einem solchen winzigen Stück Einsicht verholfen. Es scheint mir geeignet, nicht nur die Herkunft einer dichterischen Vorstellung besser zu verstehen, sondern auch eine Strecke des unterirdischen Weges, welche sie bis zur endgültigen Gestaltung einschlägt, zu erkennen.
Gewiß wird vielen Verehrern Shakespeares jener Gesang Ariels im „Sturm” als ein besonders schönes und eindrucksvolles Zeugnis der eigenartigen Phantasiearbeit des Dichters erschienen sein. Geheimnisvoll und trostreich spricht des Geistes Lied zu dem trauernden Ferdinand:
„Fünf Faden tief liegt Vater dein,Sein Gebein wird zu Korallen,Perlen sind die Augen sein,Nichts in ihm, das soll verfallen,Was nicht wandelt Meeres-HutIn ein reich und seltnes Gut.”
Wenn sich hier der in der See verfaulende Leichnam des Königs Stück für Stück in einen kostbaren Schatz verwandelt, so bewundern wir in diesem Einzelzug die besondere Kraft und den strömenden Reichtum der Vorstellung, jene „imagination complète”, die Taine an diesem Unv