You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Aus den Besprechungen, mit denen deutsche Zeitungen und Zeitschriften auf Freuds jüngstes, im Januar dieses Jahres erschienene Buch hingewiesen haben, seien hier einige angeführt, repräsentieren sie ja vielfach nicht nur das Echo von Freuds psychologischer Kulturkritik, sondern die Reaktion auf die Psychoanalyse überhaupt.
Im „Berliner Tageblatt” vom 31. Januar 1930 beginnt Stefan Zweig einen Aufsatz über „Freuds neues Werk” wie folgt:
„In seinem siebzigsten Lebensjahr, einem Alter, wo sonst der produktive Geist allmählich zu ermüden pflegt, hat Sigmund Freud gleicherweise seine Freunde und seine Gegner durch eine Umstellung und Erweiterung seiner Weltbetrachtung überrascht, indem er seinen exakten und fachwissenschaftlichen Forschungen die künstlerische Kuppel einer metaphysischen (oder vielmehr antimetaphysischen) Religionsanschauung überbaute (Die Zukunft einer Illusion, 1927). Nun ergänzt ein neues Werk (Das Unbehagen in der Kultur) in willkommenster Weise sein philosophisches Weltbild, abermals die Weite und Spannkraft dieses strengen und unbeugsamen Geistes erweisend, ein Werk, durchaus produktiv, eigenartig und wie jedes seiner früheren vehement zur Diskussion anreizend. Fragen in die Welt werfen, also in sokratischer Methode Probleme zu erlichten, war von je Freuds besondere Kunst und Leidenschaft: auch an dieser neuen und unerwarteten wird sich die allgemeine Aufmerksamkeit unbedingt erregen müssen.”
Stefan Zweig gibt dann die Gedankengänge des Freudschen Buches wieder und schließt mit der Frage: wie sei jenem Unbehagen, das in manchen Einzelnen zu neurotischen Äußerungen führt und das sonst nur gelegentliche Unlustgefühl zu tragischer Welteinstellung steigert, wie sei diesem Unbehagen in der Kultur abzuhelfen?
„Diese Frage beantwortet Freud nicht, — seine, des Psychologen, Aufgabe fühlt er im wesentlichen darin, Fragen zu stellen, nicht zu beantworten. Sein exakter, durchaus unmystischer Geist hat eine prachtvoll redliche Scheu vor allem Unbeweisbaren und nich