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Unter dem Titel „Das unbewußte Europa — Psychoanalyse der europäischen Politik” ist im Verlage Heß & Co., Wien-Leipzig, soeben ein Buch von Fedor Vergin erschienen, das sich die Aufgabe stellt, konkrete Vorgänge und Situationen des politischen Lebens der Gegenwart unter Heranziehung der Forschungsergebnisse der Psychoanalyse verständlich zu machen. Der Verfasser — so weit uns bekannt, ist es seine erste Veröffentlichung — ist ein homo novus und jedenfalls kein Psychonalytiker; er tritt mit diesem Buche, das sicher viel Aufsehen erregen wird, gewissermaßen als Außenseiter auf den Plan. Aber seine Ausführungen verraten Vertrautheit mit den Ergebnissen psychoanalytischer Forschung, und allein schon der Umstand, daß er aktuelle Erscheinungen des politischen und sozialen Lebens, an deren Psychologie sich nicht häufig jemand heranwagt, mit uns wohlvertrauten psychoanalytischen Tatbeständen konfrontiert, allein dieser Umstand des Heranziehens der Psychoanalyse — ob das nun mit ausreichendem Erfolg geschehen ist oder nicht — legt uns die Verpflichtung auf, uns mit diesem Buche eingehend zu beschäftigen. Einer späteren kritischen Auseinandersetzung vorgreifend, wollen wir jetzt zunächst versuchen, einige der wichtigsten Ausführungen des Buches hier zu referieren.
„Für die Politik” — führt Vergin im einleitenden Kapitel aus — „ist fast alles aus den Lehren der Psychoanalyse bedeutsam. Sowohl wissenschaftlich, also theoretisch, wie praktisch wird die Politik gänzlich umlernen müssen, sobald die Psychoanalyse in die politische Betrachtungsweise Eingang gefunden hat.”
In der Psychoanalyse sieht Vergin nicht nur eine Methode, das Krankhafte in der menschlichen Gesellschaft der Gegenwart zu diagnostizieren, sie verspricht ihm auch eine Therapie der Menschheit zu werden. „Um Europa aus seiner seelischen Katastrophenstimmung herauszuführen, sei vor allem notwendig, jene psychisch eingebauten Hemmungen zu entfernen, die jedem Europäer aus der fernen Vergangenheit, aus der Steinzeit und