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Es kann den psychoanalytisch gebildeten Soziologen nicht in Erstaunen versetzen, wenn so viele brennende Probleme der Gegenwart mit einer ganz inadäquat starken Affektbetonung umkämpft und umstritten werden. Militarismus oder Pazifismus, Nationalismus mit nach außen gekehrter Aggression oder Weltbürgertum, Monarchie oder Republik, Diktatur oder Demokratie, wirtschaftliche Freiheit oder Planwirtschaft und manche anderen Fragen werden mit starken Affekten, tönenden Ideologien, ethischen Postulaten, kurz mit allen verfügbaren irrationalen Waffen ausgetragen, von verstandesgemäßer Überlegung, der Führung durch das Bewußtsein, der Prüfung soziologischer Zweckmäßigkeit ist nicht viel zu spüren. Es scheint, als ob es der europäischen Menschheit heute oft nicht so sehr auf die Lösung der Probleme ankommt als vielmehr darauf, keine Gelegenheit ungenutzt zu lassen, die die Abfuhr aggressiver Spannungen ermöglicht.
In den ersten zehn Nachkriegsjahren schien das anders zu sein. Nachdem der Krieg, einem gigantischen Vulkan gleich, das eruptive Austoben aller aggressiven Spannungen bis zur Erschöpfung ermöglicht hatte, schien die Bahn für den Eros frei, entstand das Bedürfnis nach libidinösen Bindungen, entstanden Völkerbund, die Fata Morgana von Paneuropa, die Sehnsucht nach dem den ganzen Erdteil umfassenden Staat von Brüdern. Selbst die Revolutionen waren kaum mehr blutig. Und soweit ging das zivilisatorische Komfortbedürfnis, daß man in Zentraleuropa sogar das Strafrecht, diese geheiligte Reservation für die unbemerkte Abfuhr von Sadismen mit „dem Geist moderner Humanität” erfüllen wollte. Die Abschaffung der Todesstrafe schien ihrer Mehrheit sicher zu sein.
Wir wissen, wie sehr sich in den letzten Jahren das Bild geändert hat. Das Bedürfnis nach Ruhe, nach Frieden innen und außen, nach Herstellung neuer libidinöser Bindungen unter den Menschen, der Wunsch nach Abbau der Aggressionen auf der ganzen Linie scheint von einer neuen aggressiven Welle abgelöst zu sein. Der Druck, der