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Ferdinand Bruckner hat mit dem Schauspiel „Elisabeth von England” unser Interesse für die merkwürdige Gestalt der Königin Elisabeth neu belebt. Als den Kernpunkt ihres Privatlebens stellt Bruckner ihre Beziehung zu Essex dar. In der Tat war diese problematische Beziehung, die die letzten 18 Jahre ihres Lebens ausfüllte, von lebenswichtiger Bedeutung für sie. Uns, die wir uns für den genetischen Aufbau psychologischer Phänomene interessieren, lockt die Aufgabe, die Kindheit der Elisabeth zu untersuchen und vielleicht von ihr aus ein Verständnis für das Verhältnis Elisabeth—Essex und besonders für die Hinrichtung des Essex zu gewinnen.
Der Vater der Königin, Heinrich VIII., ein Mensch von guter Begabung, schön und gebildet, hatte in seinem Charakter eine starke Beimischung von psychotischen Zügen, insbesondere war sein Liebesleben von krankhaften vorund unbewußten Phantasien geleitet. Eine dieser Phantasien war, daß, wenn eine Frau ihm keinen Sohngebärt, seine Ehe mit ihr inzestuös sei, — analog dem Aberglauben mancher Völker, demzufolge Kinderlosigkeit die Strafe für den Inzest ist. Außerdem war er von dem Typus der Männer, die sich nur in eine Frau verlieben können, die schon einem anderen Manne gehört hat; gab sich die Frau ihm aber, dann trat immer ein heftiger Umschwung ein, und er empörte sich, daß die Frau seiner Wahl nicht als reine Jungfrau zu ihm gekommen war.
Er vermählte sich als Jüngling mit der Witwe seines älteren Bruders, der Katarina von Aragon, einer spanischen Prinzessin. Der Papst gab einen Dispens, damit die Witwe sich mit ihrem Schwager vermählen könne, obwohl die Erlaubnis eigentlich nicht nötig war, da die junge Frau noch immer Virgo war. Heinrich hatte viele Kinder mit Katarina, die alle gleich nach ihrer Geburt starben. Nur eine Tochter Marie lebte; sie wurde später die erste regierende Königin von England. Diese glückliche Ehe dauerte mit unwesentlichen Seitensprüngen des Königs 16 Jahre lang. Da begann es in dem Gehirn Heinrichs zu spuken. Ka