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In einer geistvollen und materialreichen Studie beschäftigt sich der amerikanische Psychoanalytiker Dr. A. A. Bril mit den Uranfängen der Dichtung. Wenn Inhalt und Ergebnisse dieser Arbeit (sie ist im Oktoberheft 1931 der „Psychoanalytic Review”, Washington, erschienen) hier kurz wiedergegeben werden sollen, so mag der ausgezeichnete Autor es uns verzeihen, daß die deutsche Sprache es nicht gestattet, den Titel seines Aufsatzes „Poetry as an Oral Outlet” korrekt zu übertragen. Wenn wir im Deutschen sagen: „Wes das Herz voll ist, läuft der Mund über”, so meinen wir mit diesem oralen „Überlaufen” genau das, was sehr konkret im Englischen mit outlet bezeichnet wird.
Niemand wird es einfallen, die Urgeschichte der menschlichen Verkehrsentwicklung mit der Schilderung eines modernen Autos von hundert Pferdekräften zu beginnen. Und ebenso wenig darf man mit dem Studium der Dichtkunst bei den Werken älterer oder neuerer Kunstdichter anfangen. Nur auf diese letzteren bezieht sich die Definition der Encyclopedia Britannica: „absolute Dichtung” sei „die konkrete und kunstvolle Äußerung des menschlichen Geistes in gefühlsbetonter rhythmischer Sprache”.
Man muß sich vielmehr gegenwärtig halten, daß alle Poesie tiefe Beziehungen zur Oralerotik besitzt, daß sie in ihrer Urform allen anderen oralen Genüssen (Lutschen, Saugen, Kauen, den verschiedenartigen Tafelfreuden, dem Rauchen, Süßigkeitenessen usw.) nahesteht, daß sie ein Ausdruck der Geheimnisse der Oralerotik ist. Geht man von diesem Gedanken aus, so wird man den Ursprung der Dichtkunst in ihren Formen beim Neurotiker, Psychotiker, beim Kind und beim Wilden studieren müssen. Nach Jesperson1 entwickelt sich die Kindersprache in drei Stufen: Sehreiperiode, Kräh- oder Schwatzperiode und eigentliche Sprechpediode. Aber schon lange, nachdem das Kind das Sprechen erlernt hat, äußert es Vergnügen an der Hervorbringung sinnloser Wörter. Es spielt in dieser Zeit zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr mit Wörtern wie mit Tönen, zu