You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Unlängst beklagte sich ein junger Psychoanalytiker bei mir darüber, daß er einen Zusammenhang nicht verstanden, das seelisch Besondere eines von ihm beobachteten Falles nicht erfaßt habe. Ich riet ihm, er solle warten und seiner Ungeduld widerstehen. Was so leicht verstanden werde, an dem sei vielleicht nicht viel zu verstehen. Er sagte zögernd, er habe schon immer von der Schulzeit an bis tief in die Jahre, da er mit akademischen Freunden die Fragen seiner Wissenschaft diskutierte, diejenigen beneidet, die einen schwierigen Zusammenhang schnell und leicht erkennen, ein Problem leicht lösen konnten. Der Fall mag über das Besondere, das ihm eignet, hinaus einige Bemerkungen rechtfertigen.
Viele von uns kennen ähnliche Stimmungen gut. Wenn man bei einem Kongreß oder einer Vereinssitzung saß, wo mancher sich berühmen mag, wie leicht sich ihm die Lösung eines psychologischen Problems ergeben habe, bis in welche Tiefen er in kurzer Zeit das Gefüge eines Neurosenfalles und aller seiner seelischen Voraussetzungen durchschaut habe, da hatte man nichts von einer „sicheren Ruh”, sondern manchmal ein starkes Insuffizienzgefühl verspürt. Während man noch nicht einmal so recht verstanden hatte, wo das Problem eigentlich liege, war es für die Anderen längst gelöst. Neidisch stand man einer Geläufigkeit, einer Fixigkeit des Verstehens gegenüber, die zu erreichen man nicht hoffen durfte. Die eigene intellektuelle Inferiorität schien durch das scharfe oder — mehr noch — durch das milde Urteil bestätigt, das die Schwerfälligkeit und Langsamkeit des Begreifens, die „lange Leitung” in Gegensatz zur Leichtigkeit und Schnelligkeit des Verständnisses setzte. Man meinte damals, das geistige Niveau des Einzelnen sei im Wesentlichen durch diese Qualitäten bestimmt, und konnte sich auf die wissenschaftliche Psychologie berufen, die in ihren Tests Methoden ausgearbeitet hatte, diese Abhängigkeiten als die einzig wesentlichen und unabänderlichen erscheinen zu lassen.