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Aus dem im Verlag Hans Huber in Bern erschienenen Werke „Allgemeine Neurosenlehre auf psychoanalytischer Grundlage”, das Freud in seiner Vorrede „die vollständigste und gewissenhafteste Darstellung einer psychoanalytischen Theorie der neurotischen Vorgänge, die wir derzeit besitzen”, nennt.
Obwohl die Entstehung des Schamgefühles ebenso dunkel ist wie die des Ekels, so ist es doch ohne weiteres klar, daß sie ebenfalls eine Reaktionsbildung darstellt, und zwar gegen den Exhibitionismus. Wo die Schamhaftigkeit über das normale Maß hinausgeht, dort ist die unbewußte Zeigelust besonders stark entwickelt. Der Erythrophobe, der Kranke, der an Errötungsangst leidet, ist sehr schamhaft. Aus Analysen dieser Kranken wissen wir, daß bei ihnen das Gesicht „genitalisiert” ist, erotische Qualitäten angenommen hat und an Stelle des Genitales tritt. Die Angst vor dem Erröten entpuppt sich als Reaktion auf den verdrängten Wunsch, das Genitale zu zeigen. Dieser Wunsch geht aber mit der Angst vor dem Verluste des Genitales einher. So deckt sich die Errötungsangst mit der Kastrationsangst. Auch der Beobachtungswahn stellt sich bei näherer Betrachtung als „negative Zeigelust” dar, als abgewehrte Exhibition. In die bewußte Sprache eines Normalen übersetzt, würde er etwa so lauten: „nicht ich will mich zeigen (gesehen werden), der andere will mich sehen”; anders ausgedrückt: „ich will mich zeigen”. In der Analyse der Exhibition eines Mannes konnte ich mich überzeugen, daß der Patient befürchtete, durch das Beschautwerden allein das Genitale zu verlieren, wie er auch unbewußt glaubte, durch das Beschauen andere Männer ihres Genitales zu berauben. In einem anderen Falle konnte ich sehen, daß das Schauen bewußte sadistische Tendenzen verfolgte. Der Sinn der Schamhaftigkeit wäre also Angst vor der Kastration. Das stimmt mit der Auffassung Freuds überein, der Mensch habe die Schamhaftigkeit mit dem aufrechten Gange erworben, der ja zur Folge haben mußte, daß das Genitale nicht mehr verborgen we