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Karl Jaspers, der bekannte Heidelberger Philosophieprofessor, hat in der Sammlung Göschen1 einen überaus anregenden Überblick über die heutige seelische Situation der Europäer erscheinen lassen, den er „die geistige Situation der Zeit” betitelt.
Von der hohen Warte des Philosophen erscheint die Welt trostlos entgöttert, glaubenslos, nüchtern. Der Einzelne ist Sklave der Masse; Mechanisierung, Nivellierung, Spezialisierung machen ebensowenig glücklich, wie die Fortschritte der Technik und Naturbeherrschung. Lebensangst erfülle Alle, ein Mangel an Vertrauen für die Zukunft lasse nur Untergang oder gewaltige Weltenwende erwarten. Gerade jetzt sei es Zeit für die Existenzphilosophie, wie sie, nach langer christlicher Entwicklung als Selbstreflexion des redlichen Menschen, in Kierkegard und Nietzsche die Höhe erreicht habe. „Philosophieren ist der Grund für das eigentliche Sein des Menschen geworden. Es nimmt heute seine charakteristische Gestalt an: Der Mensch, herausgerissen aus der bergenden Substanz stabiler Zustände in den Apparat des Massendaseins, durch Verlust seiner Religion in der Glaubenslosigkeit stehend, denkt entschiedener über sein eigenes Sein nach; das erste ist der Mensch, der doch mit sich selbst als dem Sein sich niemals abfinden kann, sondern über sich hinausdrängt.”
Von dem, was Jaspers über die „typisch modernen Wissenschaften”, Soziologie, Psychologie und Anthropologie sagt, interessiert uns vor allem die Stellung, welche er der Psychoanalyse anweist: „Allgemeingut unserer Zeit wurde Psychologie zuletzt in einer für jetzt charakteristischen Gestalt als Freuds Psychoanalyse.” Daß dieselbe in der Psychopathologie unbeachtete Tatsachen ins Feld der Aufmerksamkeit gerückt hat, wird anerkannt; aber es fehle