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In einem der Talmudfolianten, im Traktat Brachoth, findet sich ein Abschnitt über die Traumdeutungskunst der alten Hebräer. Der Inhalt dieser Fragmente zeigt, daß zu jener Zeit (von Anfang der christlichen Ära bis etwa zum sechsten Jahrhundert) einige wichtige Ergebnisse der modernen Traumdeutung schon geahnt und verwendet waren. Das soll nicht heißen, daß sich nicht Irrtümer und widersprechende Meinungen finden. Aber einige wesentlichen Erkenntnisse der Freudschen Traumlehre begegnen uns: der Traum als Wunscherfüllung, Wortspiele im Traum, die symbolische Sprache des Traumes, Ödipus-Regungen als häufiger und verschleierter Inhalt des Traumes, und die Anwendung freier Einfälle des Träumenden nach dem Erwachen zum Verständnis des Traumes.
Noch ein Gesichtspunkt ist vertreten, dem ein erfahrener Psychologe wohl auch zustimmen würde: die Deutungen der Träume können als Suggestionen wirken und die Handlungen und Regungen des Menschen in die gedeutete Richtung lenken. Dies war die vorherrschende Ansicht: die Träume verwirklichen sich laut der Deutung, die man ihnen gibt (hahalom holech aharei ha'peh). Dem entspricht auch das Wort: ein nicht gedeuteter Traum gleicht einem nicht gelesenen Brief.
So wird unter anderem erzählt, daß ein professioneller Traumdeuter Bar-Hedja den zwei Talmudisten Abaj und Rába dieselben Träume verschieden gedeutet hatte: einem zum Guten, dem andern zum Bösen, und seine beiden Deutungen erfüllten sich. Sein Traumbuch kam später in die Hand des verzweifelten Raba, dort stand als Motto die oben erwähnte Regel: „Nicht der Traum, sondern seine Deutung geht in Erfüllung”.