You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In seinem bedeutenden Buch „Schönheit und Magie”*) bringt Siegfried Behn auch eine eingehende Würdigung des „König Ödipus” von Sophokles:
„Alles, was Ödipus zu erdulden hat, ist also bedeutendes Schicksal, ist sein Schicksal, sofern er der bedeutende Mensch ist … Außerdem steckt in jedem Menschen, wo der Dämon ihn in den Abgrund seiner Schuld herunterreißt, der Urtrieb, den Vater zu morden, um die Mutter zu gewinnen. Das hat auf seine Weise der Psychoanalytiker Freud recht deutlich gesehen. Es ist zwar unangemessen, aus der Psychoanalyse, die ein Hypothesengefüge ist, eine metaphysische Weltanschauung zu machen, aber daraus ergibt sich ja nicht, daß man die tiefsinnigen Einsichten, die in ihr sicherlich hier und da aufblitzen, aus irgend einem Vorurteil heraus zu verschmähen hätte. Daß kaum ein wirklicher Mensch den Ödipusdrang realisiert, hat nichts damit zu tun, daß diese Möglichkeit in ihm steckt. Man muß nur die Goethesche Selbsterkenntnis, die sich selbst jede Möglichkeit des Verbrechens zutraut, besitzen, um zu sehen, daß in diesem Punkte Freud ebenso recht hat wie Sophokles … Sehr schwächlich ist also die Meinung guter Bürger des 19. Jahrhunderts, der Fall Ödipus sei irgend ein krasses und pathologisches Einzelergebnis, das die Menschheit wenig angehe. Die köstliche Dichtung des Mittelalters ist in diesem Punkt durchaus anderer Meinung; man entsinne sich des Hartmann von Aue in seinem „Gregorius auf dem Steine”, der die ganze Thematik des Ödipus wieder aufgenommen hat. Und er hat es getan, weil Ödipus ein ewiges Motiv der Dichtung ist.”
-n.